Ich war dabei, mit einer Schulklasse den Komparativ zu üben und als der junge Mann aus der Türkei an der Reihe war, sagte er: «Chili hat mehr Vitamin C als Zitronen». Ich meldete ihm zurück, dass der Satz grammatikalisch richtig sei, dass aber inhaltlich etwas nicht stimme, da bekanntlich Zitronen einen viel höheren Vitamin-C-Gehalt hätten, als Pfefferschoten.

Freundlich widersprach er mir und um nicht mit unnötigen Diskussionen vom Thema abzulenken, versprach ich ihm, dass ich der Frage nach dem Vitamin-C-Gehalt bis zum nächsten Mal nachgehen werde.
Eine Woche später erinnerte ich mich an mein Versprechen und schaute kurz vor der Lektion im Internet nach. Ich wusste zwar, dass ich recht hatte, doch mir ging es darum, dem vorlauten Schüler Fakten zu liefern.

Ich schaute nicht schlecht, als ich sah, dass er recht hatte: 100 Gramm einer roten Pfefferschote enthalten im Durchschnitt 143,7mg Vitamin C, während die selbe Menge einer Zitrone nur gerade auf 53mg kommt, also grob gerechnet einen Drittel (Orangen haben 50mg und Kiwis haben 121mg). Dass Zitronen nicht die einzigen Vitamin-C-Quellen sind und dass es Früchte und Gemüse mit höherem Vitamin-C-Gehalt gibt, wusste ich, zum Beispiel die australische Buschpflaume mit ihren 2700mg oder der Fenchel mit 93mg. Doch dass Chilis die Zitrone so haushoch übertreffen würde, hätte ich nie gedacht. Ich hatte erwartet, dass Chilis keinen nennenswerten Vitamin-C-Gehalt hätten und musste nun feststellen, dass der Satz des Schülers auch naturwissenschaftlich und nicht nur grammatikalisch richtig war. Doch nicht nur der Vitamin-C-Gehalt ist extrem hoch, die Pfefferschote enthält auch sehr hohe Anteile der Vitamine A und K.

100 Gramm Pfefferschote decken 240% des empfohlenen täglichen Bedarfs an Vitamin C ab, mit 42 Gramm Chili wäre also der Bedarf gedeckt.
Der Schüler lächelte stolz, als ich der Klasse erzählte, dass er recht hatte und die Fakten, die ich gefunden hatte an das Whiteboard schrieb.

Dass mir der tägliche Konsum von 40 Gramm Pfefferschote eine relativ grosse Portion schien, sagte ich nicht. Ein solcher Kommentar wäre allzu lehrerhaft gewesen. Der Schüler hatte Freude, weil Schüler immer Freude haben, wenn sie für einmal ihren Lehrern etwas beibringen können und ich war froh, etwas Neues gelernt zu haben – Lehrer, die nicht dazu lernen, weil sie alles zu wissen meinen, sind keine guten Lehrer.