Ich bin nochmal zurück in die Region Kanara, in die Gegend, in der Doktor Francis zu Beginn des 19.Jahrhunderts in den Urwäldern um das Dorf Kattige, wildwachsenden Pfeffer dokumentiert hatte.
Ungefähr 100 Kilometer südlich vom Kattige liegt Gersouppa, heute ein kleines Dorf, nahe der Gerousppa Wasserfälle, doch einst eine blühende Stadt, Zentrum für Handel und Religion. In historischen Dokumenten taucht Gersouppa ab dem 16.Jahrhundert, nach der Landung der Portugiesen, regelmässig auf.

In den ersten Jahren nach ihrer Ankunft konzentrierte sich die portugiesische Kolonialpolitik vor allem darauf, die Häfen und somit den Export von Pfeffer unter ihre Kontrolle zu bringen. Das Streben nach der Herrschaft über die Häfen und der damit verbundene Bau von Festungsanlagen und konkurrierender Handelszentren zieht sich wie ein roter Faden durch die indische Kolonialgeschichte.
Um 1550 kam die Königin Chennabhairadevi auf den Thron, sie regierte 54 Jahre, das ist die längste Amtszeit einer indischen Regentin (eine teilweise umstrittene Datierung gibt 1552-1606 an).
Ihr Reich deckte die Küste und die dort liegenden Häfen, von Goa bis Malabar, ab.

Die Königin befand sich sowohl unter Druck von den benachbarten (und neidischen) Herrschern, als auch von den Portugiesen, die bestrebt waren, die lukrativen Häfen unter ihre Kontrolle zu bringen. Zweimal kam es zum Krieg gegen die Portugiesen, 1559 und 1570. Die Portugiesen unterlagen der strategisch äusserst gewandten Königin.

In einem Brief an den König erwähnt der portugiesische Kapitän von Cochin, Affonso Mexia, dass der Pfeffer aus dem Reich der Königin von Gersouppa grösser, aber leichter und weniger scharf sei, als der aus Cochin.
Vor allem in den portugiesischen Quellen (Korrespondenz, Lageberichte) findet sich immer wieder der Spitzname Rainha da pimenta (also eigentlich Gewürzkönigin), wenn von Chennabhairadevi die Rede ist – ein Spitzname, der bald in Pfeffer-Königin umgemünzt wurde.
Eine relativ ausführliche Erzählung über ihr Leben, findet sich beim italienischen Musikologen Pietro Della Valle, mir ist gegenwärtig noch nicht klar, warum sich ein Musikwissenschaftler der italienischen Renaissance mit Pfeffer beschäftigt hatte…
Als sich die Herrscher der Keladi und der Bilgi gegen die Rainha da pimenta vereinen, gelingt es ihnen, diese zu stürzen und gefangen zu nehmen – die betagte Pfefferkönigin stirbt in Gefangenschaft.
Wie anders wäre wohl die Geschichte Indiens verlaufen, hätten sich die vielen Fürsten, Herrscher und Könige gegen die Invasoren vereint, anstatt darauf zu spekulieren, dass ihnen die Portugiesen, Briten, Franzosen und Holländer nützlich sein könnten, um die eigene Macht auszubauen?